Articles

Chaos im Krater

„Es ist, als wäre man im Bermuda-Dreieck“, sagt Rodger Hart vom iThemba Laboratory for Accelerator Based Science in Südafrika. Ich nehme den Kompass, um mich selbst davon zu überzeugen. Zuerst zeigt die Nadel in eine gleichmäßige Richtung, die nach allem, was ich weiß, magnetischer Norden sein könnte. Aber dann mache ich einen Schritt nach vorn, und die Nadel schwenkt in einen völlig anderen Quadranten. Ein weiterer Schritt, und wieder eine andere Richtung. Als Nächstes lege ich den Kompass gegen den großen Felsvorsprung, auf dem wir stehen. Wenn ich nun den Kompass über den Felsen bewege, schwingt die Nadel alle paar Zentimeter hin und her.

Der Standort ist das Zentrum des Vredefort-Kraters, etwa 100 Kilometer südwestlich von Johannesburg. Vredefort ist der älteste und größte Einschlagsrest auf dem Planeten, der vor etwa zwei Milliarden Jahren entstand, als ein 10 Kilometer breiter Asteroid auf die Erde prallte. Beweise für ältere Kollisionen gibt es auch anderswo, in Südafrika und in Westaustralien, aber in diesen Fällen hat keine geologische Struktur den Zahn der Zeit überlebt.

Vredefort selbst ist für das ungeschulte Auge nicht offensichtlich ein Krater. Geologen schätzen die Gesamtgröße des Kraters auf 250 bis 300 Kilometer, aber der Rand ist schon lange abgetragen worden. Die offensichtlichste Struktur, die übrig geblieben ist, ist der Vredefort-Dom, der „Rebound Peak“ des Kraters – wo sich nach dem Einschlag tiefes Gestein im Zentrum des Kraters erhob.

Hart zufolge war die wahrscheinliche Quelle des seltsamen Magnetismus von Vredefort ein starkes und chaotisches Magnetfeld, das durch Ströme in den ionisierten Gasen erzeugt wurde, die auf dem Höhepunkt der Kollision entstanden. Laborexperimente bestätigen, dass Einschläge auf diese Weise starke Magnetfelder verursachen. Wissenschaftler haben errechnet, dass ein Asteroid von nur einem Kilometer Durchmesser, also einem Zehntel der Größe von Vredefort, in 100 Kilometern Entfernung ein Feld erzeugen würde, das 1.000 Mal so stark ist wie das der Erde.

Vredeforts intensiver, aber zufälliger Magnetismus war bei Luftaufnahmen nicht erkennbar. Diese Analysen zeigten einen anomal niedrigen Magnetismus über dem Krater, wie ein Loch, das in das vorherrschende Magnetfeld gestanzt wurde. Der ganze magnetische Wahnsinn am Boden wird zu nichts, wenn man ihn aus großer Höhe betrachtet.

Die Ergebnisse könnten nicht nur für die Erdgeologie, sondern auch für die Erforschung des Mars von Bedeutung sein. Die riesigen Marsbecken Hellas und Argyre zeigten praktisch keinen Magnetismus, als sie vom Mars Global Surveyor in der Umlaufbahn gemessen wurden. Die konventionelle Erklärung lautet wie folgt: Als sich diese Krater vor etwa vier Milliarden Jahren bildeten, löschten die Einschläge die vorher bestehende Magnetisierung der Gesteine aus. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung darf der Mars also kein Magnetfeld gehabt haben, denn dieses wäre bei der Abkühlung in der Magnetisierung des Gesteins der Becken erhalten geblieben. Der Mars hat heute kein Magnetfeld, aber vor langer Zeit hatte er eines. Die Standarderklärung besagt also, dass der Mars sein Magnetfeld schon sehr früh verloren hat.

Wenn aber die Becken von Hellas und Argyre dieselben Eigenschaften aufweisen wie der Vredefort-Krater, kann man nicht auf das Magnetfeld des Mars schließen, als sie sich bildeten – vielleicht war es noch stark. Mario Acua, einer der leitenden Forscher des Mars Global Surveyor-Projekts, weist jedoch darauf hin, dass die Daten kleinerer Marskrater von der Größe des Vredefort-Kraters nicht mit Harts Szenario übereinstimmen.

Zurück auf der Erde hat Hart eine hochauflösende Hubschrauberuntersuchung des Vredefort-Magnetfeldes vorgeschlagen, und zwar aus einer Höhe, die niedrig genug ist, um die magnetischen Schwankungen zu sehen. Das würde eine vollständige magnetische Karte ergeben – und die Seltsamkeiten des Kraters erklären.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.